Wilfried Manthei

(Abi 1953)
Lamy, Geha oder Pelikan?

Geha, mit der Tintenpatrone, und Pelikan gab es auch schon zu unserer Zeit. Dazu Montblanc mit der Vorrichtung zum Aufziehen der Tinte. Einen Kugelschreiber kannten wir nicht.

Ihre größte schulische Leistung?

Da berichte ich lieber von der Leistung meines Tischnachbarn Rolf Wieczorek. Unser Lieblingslehrer Wolf Schäfer (Englisch, Französisch und Sport) las am Ende der Stunde zur Übung für die nächste Klassenarbeit in Französisch eine Geschichte vor, die wir als schriftliche Hausaufgabe nacherzählen sollten. In der nächsten Französischstunde wurde Rolf W. aufgerufen, um sein Werk vorzulesen. Er stand auf (Schüler standen damals noch auf) und trug mit geöffnetem Heft flüssig die Geschichte vor. An einer Stelle in der Mitte verhaspelte er sich, und dies auf Nachfrage Schäfers wiederholt, so dass Schäfer nach hinten zu uns kam, um nachzusehen, was Rolf meinte. Er sah ins Heft und fand dort zwei leere Seiten. Er zückte sein Notenbüchlein und trug eine Note ein: Eine Eins.

Was micht betrifft, erwähne ich lieber eine Leistung für die Schule. Wir haben 1951 und 52 den Asmusstab, den Preis für den schnellsten Kieler Schülervierer, für die Hebbelschule gewonnen. Der soll jetzt in einer Vitrine des ORRC Neptun in einem Glasschrank in einem Schulflur ausgestellt sein, nachdem er endlich drei Mal hintereinander gewonnen worden ist. Das hätten wir schon früher haben können, aber 1950, als wir den 1. Schülervierer gewannen, wollten im Asmusrennen lieber Haferlach und Co. starten, die gegen Taifun verloren.

Ihre Lieblingshelden bei Reclam?

Gustav Adolfs Page.

Ihre Lieblingsgestalt in der Geschichte?

Bismarck

Ihr Lieblingskomponist?

Verdi mit La Traviata

Wie viele Einträge im Klassenbuch gibt es von Ihnen?

Meines Wissens keine. Nur in einem Zeugnis zur Rubrik: Betragen. „Neigt zu Störungen, sonst gut.“ Klassenlehrer Rubach zum zweiten Teil: „Das hab’ ich noch für Dich rausgeholt.“

Welche Aufgabe stellte Ihnen das Abitur?

Lösbare. Wir machten ja zweimal schriftlich und mündlich Abitur. Das Vorabitur nach der Unterprima in den naturwissenschaftlichen Fächern, die wir im sprachlichen Zweig für die Oberprima abgaben, und in Sport. Und in den restlichen Fächern und Arbeitsgemeinschaften in der Oberprima. Der Deutschaufsatz war einfach mit der Aufgabe:“Schreiben Sie einen Brief an einen Freund, in dem Sie ihm einen deutschen Schriftsteller empfehlen.“ Meine Arbeit begann dann mit „Lieber X., ich möchte Dir E.T.A. Hoffmann empfehlen.“ Und dann folgte der Hausaufsatz, den wir mit drei Wochen Bearbeitungszeit zu E.T.A. Hoffmann geschrieben hatten und den ich am Vorabend zu Hause durchgelesen hatte. Bei meinem guten Gedächtnis behalte ich viel wörtlich.

Mit wem würden Sie gerne heut die Schulbank drücken?

Mit allen meinen Klassenkameraden. Von uns 14 beim Abitur sind leider schon 5 verstorben und einer verschollen. Besonders vermissen wir Horst Pöthe, späterer Chefarzt des Hubertus-Krankenhauses in Berlin, der unseren Haufen zusammengehalten hat, aber auch schon einige Jahre tot ist.

Wenn Sie heute, eine Schulstunde besuchen müssten, dann zum Thema … ?

Das Dritte Reich , Ursachen und Folgen. Bei uns endete der Geschichtsunterricht mit dem Krieg 1870/71. Unsere Eltern und Lehrer waren die schweigende Generation. Wir waren aus Ehrfurcht die nicht fragende Generation.

Wenn Sie heute eine Schulstunde gestalten müssten, dann zum Thema …?

Syrische Flüchtlinge.

Ich war ja selber Flüchtling aus Ostpreußen. Was für die Syrer das Mittelmeer ist, war für viele Ostpreußen das Frische Haff. Was für die Syrer die unsicheren Schlauchboote sind, war für viele Ostpreußen das brüchige, stellenweise durch Tiefflieger zertörte Eis über dem Haff. Und was die Aufnahme und Integration im Westen betrifft, würde ich das Buch des Historikers Kossert: Kalte Heimat (gemeint der Westen) besprechen. Ich bin selber als schmächtiges, unterernährtes, wehrloses, 14jähriges, in einem Flüchtlingslager lebendes Kerlchen 1946/47 in Flensburg zweimal von einheimischen Mitschülern anderer Klassen verprügelt worden. Da half nur: stark werden und Ansehen durch schulische und sportliche Leistungen erwerben.

Was hat Ihnen die Schule nicht vermittelt?

Sexualkunde. Wir lebten ja in den muffigen 50er und 60er Jahren.

Welches waren Ihre Lieblingslehrer? Warum?

Der schon erwähnte Studienrat Schäfer und der Mathe-Lehrer Rubach. Beide hervorragende Pädagogen, menschlich im Umgang mit ihren Schülern, beide dem Sport zugewandt. Rubach segelte bei Wettkämpfen auf der Kieler Woche. Gelegentlich gelang es uns, ihn zu Schilderungen des Rennverlaufs, der Taktik, Wind aus dem Segel nehmen usw. zu bringen. Dann war die Stunde fachlich „gelaufen“.

Welche Lehrer haben Sie rückblickend unterschätzt?

Studienrat Degn oder D’Hein in Erdkunde. Der wurde später Professor an der Kieler Uni und gab – ganz neu – einen topografischen Atlas heraus.

In welchem Fach hätten Sie besser aufpassen sollen?

In Chemie und Physik, letzteres bei „Bubi“ Witt, der in Peeneünde Raketen gebaut hatte und angeblich eine Doktorarbeit von nur zwei Seiten Länge geschrieben hatte. Ich mochte ihn nicht sonderlich, und er mich wohl auch nicht. Möglicherweise, weil mein Vater, den er durch meinen 1 Jahr älteren Bruder zu einer Rücksprache über ihn gebeten hatte, bestellen ließ, sein Sohn sei alt genug, um sich selber zu vertreten. (Mein Bruder hatte wie ich durch die Flucht zwei Jahre und zusätzlich durch Krankheit zwei weitere Jahre Schule verloren und war dadurch eine Klasse unter mir.) Um das Vorabitur zu umgehen, wechselte mein Bruder nach Bonn. Da gab ihm Witt im Abgangszeugnis in Mathe bei Klassenarbeiten mit 1, 1, 1 und 4 eine 4 mit der Begründung: „Das ist Dein Leistungsstand.“ Am Bonner Beethovengymnasium besuchte mein Bruder dann ½ Jahr die Unterprima und ½ Jahr die Oberprima und machte gleichzeitig mit mir das Abitur. In Mathe mit 2. Letzten Juli ist er verstorben.

Was war Ihr persönlicher AbiturSchul-Streich?

Schulstreiche gab es damals nicht. Wir haben unser eigenes Festchen in Holtenau in einer Gaststätte am Leuchtturm gefeiert.

Haben Sie sich international austauschen können?

Ich mich nicht. Unser Klassensprecher „Eisi“, Eisenblätter, der in Merles Theatergruppe so vorzüglich den Geizhals gespielt hat, ist nach England gekommen. Wohl auch Rolf Wieczorek. Ich war auf eigene Faust Anfang der 50er Jahre in den Sommerferien für drei Wochen in Paris in einer Jugendherberge. Ich bin hin und zurück getrampt (Auto-Stopp). Alles in allem hat es 183,– DM gekostet, weil ich mich überwiegend von damals hier noch nicht zu bekommenden Bananen ernährt habe, aber auch noch meiner damaligen Schulfreundin und seit 1957 Ehefrau ein Fläschchen Parfum und meiner Mutter 1 Pfund in Kiel unerschwinglichen Kaffee mitgebracht habe.

Was war das denkwürdigste Schul-Erlebnis?

Ein besonders starker der üblichen Wutausbrüche des Englischlehrers Dr. Siemerling, deshalb mit dem Spitznamen „Simba“, diesmal gerichtet gegen den Berliner Hans Gaucke. „Die Berliner! Was wollt ihr überhaupt hier? Wir haben Euch nicht gerufen!“

Wann fing für Sie der Ernst des Lebens an?

Mit dem Eintritt in den Richterberuf am 1.2.1962.

Wen würden Sie gerne einmal wiedersehen?

An sich alle Mitabiturienten. Wir haben uns zu Klassentreffen, zuletzt zum 100. Schul- und 50. Abiturjubiläum, zusammen gefunden. Da wurde als Ritual stets ein Theaterstück vorgelesen, das unser in Strande lebender Mitabiturient Jürgen Plöger (auch Verfasser der Schrift: Die ersten Jahre der Hebbelschule) mit jeweils einem Akt oder Auftritt zu sechs Schulstunden mit unterschiedlichen Lehrern geschrieben hatte.
Besonders auch unseren Mitschüler Horst Pöthe. Aber dazu muss wohl auch ich erst einmal sterben. Mit meinem Klassenkameraden Günter Reese und seiner Frau spielen meine Frau und ich noch zweimal monatlich Doppelkopp abwechselnd in Düsseldorf und in Menden.

Ihre gegenwärtige Status-Meldung?

Pensionär. Vater einer Tochter und eines Sohns und Großvater von vier Enkelkindern (22, 22, 17, 13). Eine Enkelin studiert in Kiel im 6. Semester Wirtschaftschemie und wohnt in der Nähe des Holsteinplatzes.

2017-03-24T17:20:06+00:00